bleierne_ente hat geschrieben:
Ich weiß gar nicht ob ich mich nun freuen soll, oder wie oder was...
Hatte am Freitag ein Beurteilungsgespräch zum Ende der Probezeit. meine Chefin ist äußerst zufrieden, lobt mich über den grünen Klee und würde mich enorm gerne behalten und weiterentwickeln, da auch sie der Meinung ist, ich sei hier bissle falsch ... Gut und schön, war ein tolles Gespräch und hörte sich auch ehrlich an.
Um mich weiterzuentwickeln gibt es allerdings aktuell quasi keine Chance auch eine Verlängerung des Vertrags ist aktuell auf Grund der völlig undurchschaubaren Personalpolitik der BA noch recht unwahrscheinlich ... nun gut. Das kann sich in zwei Wochen auch wieder ändern .. Eigentlich will ich ja auch lieber gestern als heute hier weg ... wenn da nicht .. tja ... zum einen macht das die Gedanken Richtung zweiter Babyfant nicht eben einfacher und naja ... die Jobsuche beginnt dann eben einfach jetzt wieder von vorne ... Sei´s drum. Ich freue mich, dass man mitr trotz aller Frustration in den letzten Monaten nicht nachsagt ich sei unmotiviert gewesen und habe meinen job nicht gut gemacht

Ok, ich weiß nicht, ob es Dich interessiert wie es mir nach fast 5 Jahren Jobcenter und fast 11 Jahre Arbeit mit Arbeitslosen geht, aber ich schreib einfach mal drauflos.
Ich finde es ist eine ganz eigene Welt - mit der wir hier üblicherweise kaum Berührungspunkte haben. Zumindest nicht in der Konzentration.
Als ich nach 6 Jahren Arbeit beim Bildungsträger im Jobcenter beworben habe, hoffte ich durch die "Sicherheit" etwas mehr Ruhe zu bekommen. Ich war unglaublich gern Dozentin und mein Herz schlägt in dem Bereich immer noch sehr stark. Aber dieser ständige Wechsel von Aufträgen, die Kurzfristigkeit der Zusagen, der sinkende Stundensatz (welcher selbständige Handwerker würde für 9 €/Stunde arbeiten?) veranlaßte mich dazu, mich bei der BA zu bewerben. Es war fremd für mich, in welchem Ton die Kollegen von den Kunden sprachen, wie groß der Frust und der Ärger war. Ich war mir sicher, so werde ich nie sein.
Im Jobcenter hab ich gelernt was "immer hinterher rennen" bedeutet, nie fertig werden, immer ein schlechtes Gewissen zu haben, weil immer zu wenig Zeit für intensive Gespräche da war und die Dokumentation und die diversen Bearbeitungslisten mehr Zeit frasen als alles andere.
Die irren Geschichten kannte ich aus der Zeit als Dozentin. Aber in den Beratungsgesprächen wurde es oft noch verrückter, da hier auch noch häufiger Geschichten erzählt oder auch erfunden wurden, um irgendwelche Dinge nicht machen zu müssen oder irgendwas zu bekommen. Immer wenn ich dachte, daß ich heute das verrückteste erlebt oder gehört habe, passiert das nächste, wo ich wieder denke "das glaubt mir keiner, daß es das wirklich gibt". Die, die es mir glauben sind meine Kollegen.
Was für mich schlimm ist, ist die Ablehnung meiner Arbeit und meiner Person von allen Seiten. Meine Kunden halten mich für blöd, wenn ich was von ihnen will, was sie nicht wollen. Wenn man Depressionen bekommen will, liest man nur mal die Kommentare zu irgendwelche Hartz-IV-Zeitungsberichte oder in Alg-II-Foren. Die Öffentlichkeit schimpft über die laschen JC-Mitarbeiter, weil die nicht durchgreifen und den Leuten soviel Geld in den Rachen werden oder halten uns für kriminell, weil wir von den armen Leuten was verlangen statt ihnen einfach das Geld als Grundeinkommen zu geben und auf alles Rücksicht zu nehmen. Der BA/den Chefs sind die Zahlen nie gut genug, egal was man veranstaltet. Egal wie: man ist der Blöde.
Natürlich gibt es auch Kunden, die einen mögen, die mit einem zufrieden sind und die gerne kommen, denen man helfen kann und die man irgendwann glücklich in das eigenverantwortliche Leben abmelden kann. Sonst würde ich es zumindest auch nicht aushalten.
Ich habe in den letzten Jahren an mir Seiten kennengelernt, die mich nicht nur verwundern, sondern die ich an sich regelrecht verachte. Ich wurde aggressiv, zynisch, bissig, und verwende im Kopf - und teilweise auch ausgesprochen - Wörter und Zuschreibungen, die ich nie im Wortschatz hatte.
Ja, die Arbeit hat mich verändert. Ich hatte früher auch nie Angst, wenn mich jemand mit unbekannter Nummer anrief. Ich hatte auch nicht diese Angst jemandem meinen Wohnort zu sagen oder allein zu meinem Auto zu gehen. Nach einer Bombendrohung im Amt, der Geiselnahme eines Kollegen und diversen Morddrohungen bei Kollegen denkt man um.
Ich denke ich habe mir immer noch bewahrt mit meinen Kunden zu lachen, mir ihre Geschichten mit echtem Interesse anzuhören und alles für sie zu tun, was ich machen kann.
Ich merke aber auch, wie es mir zuviel wird, wie ich abstumpfe, wie ich bei "ich wurde von meinem Vater vergewaltigt" nicht anders reagiere wie bei "mein Kind hat 39° Fieber" oder "meine Wohnung ist verschimmelt". "Ich war 15 Jahre wegen schwerer Körperverletzung im Knast" oder "ich bin zwar noch aggressiv, will aber niemandem mehr töten (heute gehabt) versetzt mich nicht in Panik, ich hab im Hinterkopf halt sofort den Deeskalationplan und mache mir eine Notiz zum Thema "Gefährdungsmeldung".
Was immer noch ist und wie ich fürchte auch nie vergehen wird, ist die Tatsache, daß mich die Arbeit einfach alle macht. Ich schaffe es zwar seit einigen Jahren ganz gut auf der Heimfahrt (zum Glück so weit) abzuschalten, daß ich nicht den ganzen Abend über Kundenprobleme nachdenke und jedem davon erzählen muß, aber ich bin innerlich unruhig und gleichzeitig totmüde. Ich schlafe meistens abends sofort ein, um dann die halbe Nacht zu wach zu sein um zu schlafen, aber zu lethargisch um was sinnvolles zu machen. Während der Woche verschiebe ich alles aufs Wochenende, weil ich zu k.o. bin, am Wochenende schlafe ich, brauche Ruhe und bin nicht in der Lage was zu machen, weil ich endlich mal nichts tun will.
Das Laufen tut mir gut, schafft es doch etwas aktive Freizeit, teilweise sogar, daß ich - wenn auch meist mit schlechtem Gewissen - mal früher nach Haus fahre. Andererseits ist es zusätzlicher Streß, weil die Zeit vom Schlafen und der Hausarbeit abgeht.
Die Bürokilos sind sicher der Arbeit geschuldet. Wie ein Kollegin mal so treffend sagte: oftmals hab ich einfach das Gefühl die Löchter, die die Kunden in mich saugen mit Schokolade zu stopfen.
Seit 2 Jahren arbeite ich als Fallmanagerin - die vermutlich einzige Entwicklungsmöglichgkeit im Jobcenter außer dem Aufstieg zur Teamleitung. Weniger Kunden, dafür noch mehr Probleme. Bereut hab ich es nicht, ist es doch inhaltlich meine Arbeit. Jedoch nicht weniger stressig, nicht weniger belastend. Manchmal muß ich mich daran erinnern, daß es noch Menschen gibt, die keine Suchtproblem haben, die keine Schuldenberge haben und die eine Ausbildung haben und einfach arbeiten wollen und können. Letzte Woche wurde eine Kunden versehentlich zu mir geschickt, die "einfach nur Arbeit suchte" - ich konnte mein Glück kaum fassen.
Nach 2 Jahren BA bin ich zur Kommune gewechselt. Ich hatte das Gefühl für die BA ist man einfach eine Nummer, die zu funktionieren hat und die HeGas zu erfüllen und die entsprechenden Zahlen zu liefern hat. Völlig egal welcher Name oder welche Qualifikation dahinter steht. Wer neu kommt, durchläuft das Qualiprogramm der BA, danach sind alle gleich. Verträge/Vertragsverängerungen hängen von irgendwelchen Strategien oder gerade laufenden Klagen etc. ab und vor Art weiß eigentlich keiner warum was passiert.
Von daher bin ich froh zur Kommune gewechselt zu sein - gleichzeitig bedeutete dies ein deutlich niedrigeres Gehalt und natürlich die Festlegung auf eine Stadt. Als BA-Mitarbeiterin hat man grundsätzich die Möglichkeit sich auch auf andere BA-Standorte zu bewerben und es ist immer noch "intern".
Um die Flucht in Schwangerschaft hab ich die Kolleginnen von jeher beneidet. Wenn ein 2. Babyfant eine Option ist, dann wähle die und genieße das Elterngeld im Anschluß an das BA-Gehalt.
Wer mal im JC war, findet immer was. Wenn man da eines lernt, dann unter hohem Zeitdruck zu arbeiten und wer die Geschichten durch hat, den schockt auch danach nichts mehr.
Ich weiß nicht, warum Deine Chefin meint, Du würdest nicht so richtig reinpassen. Soziologen sind doch nicht unüblicher als BWLer, Pädagogen oder Soz.päds. und sicher tausendmal besser als irgendwer aus der Ecke "Hauptsache akad. Abschluß" wie es in der BA üblich ist.
Ich denke mir manchmal ich müßte den Absprung suchen, bevor die Arbeit mich völlig verändert und mein Privatleben komplett kaputt macht.
Andererseits habe ich viele schöne Erlebnisse in der Arbeit auf die ich auch nicht verzichten möchte und schätze eben auch, daß ich in der Tätigkeit jetzt ein deutlich höheres Gehalt habe, als der normale Sozpäd. in einer Beratungsstelle oder ähnliches.
Halte doch einfach die Augen offen und wenn irgendwo eine tolle Stelle lockt, dann bewerbe Dich darauf. Und wenn die Familienplanung möglich ist, dann verzichte auf keinen Fall zu Gunsten des JCs auf ein Kind.
Paß auf, daß die Arbeit Dich nicht zu sehr verändert und Dich nicht auffrißt und gehe, bevor Du merkst, daß Du Dich von dem Frust und den Aggressionen anstecken läßt und Mensche mehr und mehr nur noch anstrengend findest und in der Stadt ständig in "Kunde" und "nicht Kunde" kategorisierst und Angst hast, wenn jemand erfährt wo Du wohnst.
Alles Gute!